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Das Bauhaus

Essay

Was die Bauhausstadt jetzt braucht

Von Joachim Hantusch und Philipp Oswalt

Dessau-Roßlau hat einen kulturellen Aufbruch erlebt, wie  es wenige für möglich gehalten hätten. Und es artikulierte sich Bürgerstolz auf den geistigen Reichtum. Der wurde dann besonders groß, als der Kultur Gefahr drohte. Schon im Bauhaus-Jubiläumsjahr, das mehr Touristen denn je in die Stadt brachte, spürte man, dass etwas in Bewegung gekommen war. In vielen Gesprächen hörten wir, dass die Stadt über ein enormes Potential verfüge, das man nutzen müsse. Selten wurde so heftig und leidenschaftlich über Perspektiven gestritten, gar nicht pessimistisch, sondern eher selbstbewusst und fordernd. Man konnte den Eindruck gewinnen, in Dessau-Roßlau gäbe es trotz aller Schwierigkeiten ein gutes Miteinander und einen Glauben an die Zukunftsfähigkeit der Stadt. Natürlich wurde die Stimmung getrübt durch die Hiobsbotschaften, die die Stadt in der jüngsten Vergangenheit zu verdauen hatte. Niemand ist bei aller Freude über den Ruck so blauäugig, die harten Seiten der schrumpfenden Stadt zu übersehen.

Und doch wird die Einzigartigkeit der Kulturstadt kaum bestritten. Eine wesentliche Stärke der noch wirtschaftsschwachen Region liegt im hochwertigen Kulturtourismus. Dessau-Roßlau ist dafür attraktiv, braucht aber noch einen gewissen Magnetismus. Insofern war jeder Wirbel, den die Stadt in der Vergangenheit erzeugte, produktiv für sie. Dessau-Roßlau hat im Konzert der Oberzentren auf sich aufmerksam gemacht, seinen Rang verteidigt und gleichzeitig gezeigt, dass das schöne, schwierige Land Sachsen-Anhalt nicht nur durch das lustvolle Bewirtschaften des Mittelaltertourismus Großes erreichen kann. Die mitteldeutsche Industrieregion war ein Land der Moderne, die Gegend zwischen Bitterfeld, Wolfen und Dessau ein Silikon Valley der zwanziger Jahre. Daran sollten wir uns erinnern, wenn sich Stadt und Land auf den 100. Bauhaus-Geburtstag im Jahr 2019 vorbereiten. Das mag noch in weiter Ferne liegen, aber die Vorbereitungen für das Fest beginnen jetzt.  Wir hören schon, wie sich die Thüringer ins Zeug legen, um Weimar als Gründungsort des Bauhauses besonders hell erstrahlen zu lassen. Das ist legitim, denn das Bauhaus kommt aus Weimar, aber es steht nun mal in Dessau. Wir brauchen Ideen und Konzepte, um Dessaus Rang als Stadt der Moderne international noch stärker zu verankern.

100.000 Gäste aus aller Welt besuchen alljährlich das Bauhaus in Dessau-Roßlau. Sie kommen, um die weltberühmten Bauten zu sehen und in die reiche Geschichte der Stadt zwischen Aufklärung und Moderne einzutauchen. Das ist erfreulich, doch das Bauhaus und die Meisterhäuser sind für die ständig anschwillenden Besucherströme gar nicht ausgelegt, es sind Stätten des Weltkulturerbes mit besonderen Auflagen der Fürsorge. Zudem vermissen die Gäste einen zentralen touristischen Anlaufpunkt, an dem sie Erstinformationen und Orientierung erhalten, an dem sie das Bauhaus in seiner ganzen Vielfalt erleben könnten. Ein Besucher- und Ausstellungszentrum könnte den touristischen Service bieten, an dem es der Stadt derzeit mangelt. Gleichzeitig wäre ein solches Gebäude ein Schaufenster der Bauhausstadt und könnte die mit 25.000 Objekten weltweit zweitgrößte Sammlung zur Bauhausgeschichte aufnehmen, über die die Stiftung Bauhaus Dessau verfügt. Derzeit lagert sie entweder im Depot oder ist nur im Ausland zu sehen. Das Bauhaus ist nicht als Museum gebaut und entspricht deshalb auch nicht den klimatechnischen Anforderungen für Ausstellungshäuser. So kann die Stiftung nur einen Bruchteil ihrer Objekte im Kellergeschoss zeigen. Das betrübt nicht nur uns. Eine Touristin aus Bremerhaven schrieb ins Besucherbuch: "Unter der Ausstellung im Bauhaus habe ich mir etwas anderes vorgestellt. Wo sind die wundervollen Exponate, auf die ich mich gefreut hatte? Nein, so bitte nicht. Das Bauhaus war die Reise nicht wert." Dieser Kritik ist wenig entgegenzuhalten.

Ein Besucherzentrum liegt aber nicht nur im Interesse des Bauhauses, es wäre auch für die anderen UNESCO-Welterbestätten attraktiv. Ein solcher Ort hätte die Kraft, das Gartenreich Dessau-Wörlitz, das Erbe von Hugo Junkers, den revolutionären Geist von Kurt Weill und die Ideen des Bauhauses miteinander in Beziehung zu setzen.
Die Bauhaus-Dekade wäre ein idealer Anlass, um die Verbindungslinien von der Aufklärung zur Moderne einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Das gelingt nur in einem guten Netzwerk von starken Partnern, die diese Stadt zweifellos besitzt. In den kommenden Jahren sollte zunächst die notwendige Infrastruktur entstehen, sei es durch eine neue Empfangssituation im Bahnhof, das Besucher- und Ausstellungszentrum für das Bauhaus und die Moderne und generell der Ausbau der touristischen Infrastruktur. Dies muss einhergehen mit dem Vertiefung der guten Kooperation zwischen Anhaltischem Theater, dem Gartenreich Dessau/Wörlitz, der Kurt-Weill-Gesellschaft, dem Technikmuseum Hugo Junkers  und dem Bauhaus mit neuen, ideenreichen Projekte. Nur durch gute Vernetzung,  wie z. B. in dem neuentstandenen regionalen Tourismusverband  Anhalt-Dessau-Wittenberg e.V,. wird es die Region schaffen, auf sich aufmerksam zu machen. Das gilt erst recht für das geplante Großprojekt einer Landesausstellung unter dem Titel "Land der Moderne", das die Verflechtung von kultureller und technischer Modernität zum Thema haben soll und den Avantgardegedanken bis in die Gegenwart hinein untersucht. Eine solche Ausstellung brächte einen gewaltigen Imagegewinn für die Region mit sich, der sich im Vorfeld des Bauhausgeburtstages für Dessau-Roßlau auszahlen würde. Im Jahr 2017 könnten wir dann das Jubiläumsprogramm mit einem internationalen Projekt starten, das wir "Bauhaus-Satellite" überschrieben haben und das in Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen entstehen soll. Dahinter verbirgt sich ein wandernder Projektraum zu den Bauhausideen, wo Bestehendes vermittelt wird und Neues entsteht. Überdies sollte es natürlich gemeinsame Projekte mit unseren Partnern in Berlin und Weimar an allen drei Standorten geben.

Träumen wir und blicken wir voraus! Die Bauhaus-Dekade bis 2019 wäre für Dessau-Roßlau eine Verheißung. Sie ist mit vielen guten Nachrichten verbunden. Das neue Meisterhaus Gropius wird als Entree der Siedlung eröffnet, das Konsumgebäude in  Törten empfängt erstmals Bauhausfans und nicht nur Drogeriebesucher, das historische Arbeitsamt wird neu genutzt, endlich gibt es ein touristisches Leitsystem für alle Bauhausbauten. Gleichzeitig eröffnet das Besucher- und Ausstellungszentrum. Obendrein richten wir eine Landesausstellung unter dem Titel "Land der Moderne" aus, die keinen Zweifel mehr lässt, wo die Ideen, die die Welt veränderten, geboren wurden. Und wenn dann das Jahr 2019 anbricht, feiern wir mit Berlin und Weimar ein großes Fest mit Ausstellungen, Konferenzen und Festivals.  

Machen wir uns nichts vor, Dessau-Roßlau steht im Wettbewerb. Es geht darum, ob die Stadt ihren kulturellen Aufbruch fortsetzt und damit viel gewinnen könnte. Weniger ist Zukunft, ist die Ausstellung zur IBA Stadtumbau überschrieben. Das heißt, sich auf das Wenige zu konzentrieren, weil damit Mehr zu machen ist. Für die Bauhausstadt bedeutet das, die Kräfte zu bündeln und sich auf die großen Ressourcen zu besinnen. Jetzt wird gedessauert!

Die perspektivische Entwicklung der Bauhausstadt und die Errichtung eines Besucherzentrums stehen im Mittelpunkt einer Informationsveranstaltung am 7. Oktober 2010, um 18.00 Uhr im Bauhausgebäude.

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