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„Faszination Pergament und Papier"

Beeindruckende Schau historischer BuchmacherkunstRalf Schüler von der Anhaltischen Landesbücherei präsentiert den Sternenatlas von 1661

Dunkel ist es in den Magazinräumen der Wissenschaftlichen Bibliothek der Anhaltischen Landesbücherei, dem „Palais Dietrich“ in der Zerbster Straße, und es herrschen immer gleiche 18 Grad bei maximal 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Diese Vorkehrungen haben ihren triftigen Grund, denn in den großen Hebelschubanlagen des herrschaftlichen Hauses, das einmal Sitz des Philanthropinums, der berühmten Schule Basedows war, lagern an die 100.000 Bücher, Handschriften und Drucke aus historischer Zeit. Das älteste Exemplar stammt aus dem 9. Jahrhundert.

Ihr Erhalt stellt höchste konservatorische Anforderungen. Um so schwieriger erscheint die Aufgabe, Teile dieses kostbaren bibliophilen Schatzes der Öffentlichkeit zu präsentieren. Doch genau dies soll ab Ende März durch die Ausstellung „Faszination Pergament und Papier“ möglich werden. In einer Kooperation präsentieren das Museum für Stadtgeschichte Dessau und die Anhaltische Landesbücherei Dessau einzigartige Werke der Buchmacherkunst, die es in dieser Vielfalt nur selten zu bestaunen gab - das letzte Mal in den 80-er Jahren.

Aufwendiger Einband für ein Buchexemplar aus dem 11. Jahrhundert Die Idee zur bevorstehenden Ausstellung, die vom 27. März bis zum 3. Juni 2007 im Johannbau zu sehen sein wird, entstand schon 1999. Der gewaltige Aufwand und die Schwierigkeit, zwischen konkurrierenden Ausstellungen den richtigen Zeitpunkt zu finden (aus konservatorischen Gründen kommt die Sommerzeit trotz Klimatisierung der Räumlichkeiten grundsätzlich nicht in Frage), verlangten den Beteiligten beider städtischen Einrichtungen viel Geduld ab. Geduld, die sich nun aber auszahlt, denn der Anblick der oft kunstvoll verzierten und prachtvoll ausgestatteten Bücher entschädigt für alles.

Zu den Kostbarkeiten in den Vitrinen gehört dann beispielsweiseBild des Reformators Melanchthon in der weltberühmten Cranach-Bibel der Sternenatlas von Andreas Cellarius, der vor fast 350 Jahren in Amsterdam herausgegeben worden war. Für Restauratoren eine Herausforderung, wurden doch die Buchdeckel damals noch aus Holz gefertigt und sind entsprechend anfällig für den Holzwurm. Des Weiteren werden eine Vielzahl von Evangeliaren und Bibeln, wissenschaftlichen Büchern der Botanik, Astronomie und Architektur zu bestaunen sein, aber auch Werke, die sich in prachtvollen Illustrationen mit der Jagd, mit Pferden bzw. mit Expeditionen und Entdeckungsreisen befassen. Von großen Folianten bis ganz kleinen Exemplaren der Buchmacher-kunst, von Handschriften über Wiegendrucke bis hin zur heute bekannten Buchform reicht das beeindruckende Spektrum.

Ein Kapitel schlägt die Ausstellung allerdings noch nicht auf: Die zwei Bände der weltberühmten Cranach-Bibel, die als Teil der Georgsbibliothek zum Bestand der Anhaltischen Landesbücherei gehören, werden erst im Oktober gezeigt in einer Ausstellung aus Anlass des 500. Geburtstages des Reformfürsten Georg III., der immerhin „frommer als Luther“ war (diese Einschätzung nahm Luther selbst vor).

Prachtvoll gestaltete Seite in der Cranach-Bibel mit Wappen und Insignien der Anhaltiner

 

Ein Hauch von Abenteuer und ungelöstem Kriminalstück umflort das von Lucas Cranach 1541 in Wittenberg illustrierte und mit Handschriften der Reformatoren Luther, Melanchthon, Bugenhagen und Cruciger ausgestattete dreibändige Bibelwerk: in den Weltkriegswirren an drei verschiedenen Orten versteckt, wird nur ein Band (Neues Testament) nach Kriegsende wieder aufgefunden. Der zweite Band - Teil 3 der Cranach-Bibel - wird von einem amerikanischen GI gestohlen und gelangt erst 1996 auf mysteriösen Umwegen wieder an seinen Ursprungsort Dessau zurück. Von Band 1 - 1945 von einem Rotarmisten entführt und in Weimar als Entschädigung an eine Familie verschenkt, deren Auto er konfiszierte - fehlt bis heute jede Spur. Es gibt nur eine Vermutung, wonach er sich in Privathänden in den USA befindet.

Die zwei wiedervereinigten Bände kann man wie erwähnt im Oktober bestaunen, sich im März aber schon einmal auf diese Sensation gehörig einstimmen.

 

Carsten Sauer 

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